Erfahrungen Nextvision Kids

Warum Pädagogik schön sein kann und was wir anders machen!

Mein Erfahrungsbericht über eine erlebnispädagogische Mehrtagesfloßfahrt.

Wie schreibt man einen sachlichen Erfahrungsbericht, wenn man emotional mittendrin, zeitweilig total aufgewühlt und am Ende total überwältigt war. Ich will versuchen die Geschichte von Anfang bis Ende zu erzählen und für Nichtanwesende trotzdem nachvollziehbar zu schreiben.

Der unbedingte Wunsch, eine Floßfahrt mit Kindern oder Jugendlichen durchzuführen, währt seit dem Bestehen der Ausbildung zum Erlebnispädagogen. Fragen zu Werbung, Akquise, Präsentationsform, verständlichen Vorabinformationen zum pädagogischen Inhalt den Eltern gegenüber, sowie logistisches stemmen der Materialmengen standen noch in weiter Ferne. Doch mit Tatkraft, Optimismus und der richtigen Menge an Glück würde sich schon alles zum Guten wenden. Als Miriam, eine Freundin aus der anderthalbjährigen Fortbildung dann Anfang Mai anrief und den Kontakt zu einem interessierten Sport– und Geschichtslehrer herstellte, stieg Euphorie und Hoffnung. Nach einem ersten Treffen mit dem Lehrer kam neben dem Interesse auch die Idee einer Präsentation bei einem Elternabend zur Sprache.

Vor vielen Menschen reden kannste ja, kein Problem. – Fehlanzeige!

Produktblätter mussten erstellt werden und eine Powerpoint Präsentation sei ja heutzutage selbstverständlich. Und schon waren viele wichtige Fragen da. Wie erklärt man den Eltern, der eigentlichen Zielgruppe, wirkungsvoll den Inhalt von erlebnispädagogischer Arbeit, ohne dabei fachlich zu sehr abzudriften. Gleichzeitig sollte unser Statement darstellen, dass wir kein Eventveranstalter oder Kinderbespaßer, sondern ernsthaft arbeitende Erlebnispädagogen sind. Also tief einatmen und „gekonnt“ vortragen. Sicherheit bei absoluter Ahnungslosigkeit sagte man früher bei der Bundeswehr. Allerdings konnte diese Karte hier nicht gezogen werden. Die nächste ernüchternde Wahrheit kam zum Zeitpunkt der Präsentation vor den Eltern. Von gesamt fünfundzwanzig Elternpaaren waren gerade einmal elf anwesend. Also hieß die Mission „weniger als die Hälfte der Betroffenen von etwas zu überzeugen, was alle mitreißt!“. Sollte also immer leichter werden ;-). Nachdem Miriam und ich uns nach bestem Wissen und Gewissen mit unserer Idee verkauft hatten, kam noch die alles endscheidende Frage nach dem Preis. Die Schwierigkeit die Personen überzeugen zu müssen, die später gar nicht dabei sein werden, hatten wir eingehend vorher besprochen, doch außer der Emotionalisierung unseres Produktes, hatten wir kaum Ideen.

Wie erklärt man den finanziellen Wert einer Reflexionsrunde, bei dem sich Kinder konstruktiv und ohne gegenseitige Unterbrechung ihre Meinung sagen können?

Wie vermittelt man den Wert eines Handwerks, bei dem der Geldgeber nicht direkter Teil des Ergebnisses ist? Die Hoffnung, dass die Kinder mit positiven Erfahrungen und Veränderungen nach Hause zurück kehren, ist zwar das gewünschte Ergebnis, welches aber in dieser Situation noch nicht greifbar war. Also halfen nur Erfahrungswerte aus unserer bisherigen Arbeit und eine absolut transparente Klärungsrunde für offene Fragen. Nach der Präsentation hieß es auf dem Schulparkplatz erstmals Normalpuls herstellen und gegenseitiges Feedback. Waren wir zu empathisch? Haben wir die notwendigen Fragen richtig beantwortet? Wird die Welle der Euphorie auf die nicht anwesenden Eltern überschwappen? War die Welle überhaupt bei den Eltern spürbar? Es half nichts außer weiter zu warten und zu hoffen. Es vergingen Wochen bis sich der Termin näherte. Zwischenzeitig wurde uns mitgeteilt, dass es wohl ganz gut aussieht, was hoffen ließ. Zwei Wochen vor dem Veranstaltungstermin wurden uns seitens des Klassenlehrers zweiundzwanzig von fünfundzwanzig teilnehmenden Schülern gemeldet. Wir waren froh und betrübt zugleich. Wie soll man ein Erlebnis als Klasse teilen, wenn die Klasse nicht vollzählig ist? Wie holt man die Kinder die fehlen werden, trotzdem mit ab? Woran lag es, dass die Kinder nicht mitkamen? Am Preis, dem Zeitpunkt, der eigenen Lust? Wie uns der Klassenlehrer später mitteilte, soll es wohl der Preis von 130,00 € je Kind gewesen sein. Aber das spielte wieder in die Richtung unseres anfänglichen Problems, dass es schwer ist, den bei der Reise vermittelten Inhalt mit seiner Tiefe an Außenstehende weiterzugeben. Aber so viel zu unserem Anflug von Trübsal und genug davon, Augen nach vorn!. Wir haben weitere elf Elternpaare, ohne den persönlichen Kontakt, von unserer Idee begeistern können und darüber galt es doch froh zu sein! Zwei Wochen vor dem Termin der Floßreise fingen wir an zu kommunizieren und die Logistik, Floßbaumaterialen, Biwakutensilien und Ähnliches fertig zu machen und zu planen. Durch erhebliche Schwierigkeiten bei der Trainerplanung, stand erst zwei Tage vor dem Termin das komplette Team fest. Also wurden alle Gespräche zur vorherigen Koordinierung per Telefon und Mail geführt. Nach insgesamt sechs Stunden Ablauf- und Materialplanung „rumgeexcele“ und dem anschließenden Mailversand hatten alle vier Trainer einen gleichen Sachstand. Wir würden also mit einem überdurchschnittlichen Personalansatz von vier Trainern, zwei Lehrern und einem Hund auf eine zweiundzwanzig köpfige Schülerscharr treffen. Aufgrund der hohen Betreuerdichte stieg meine Hoffnung, eine hohe Qualität und erlebnispädagogische Tiefe zu erreichen, da jeder Trainer tiefer in seiner eigenen Komfortzone arbeiten würde, erheblich an.

Am Vorabend unseres Termins war ich um 22:00 Uhr mit der Vorbereitung fertig und konnte zufrieden ins Bett fallen, wobei an Schlaf logischerweise nicht zu denken war.

Am folgenden Morgen gegen 05:30 Uhr begrüßte uns der noch so junge Tag mit einem angenehm erfrischenden Nieselregen, der im Laufe der Anfahrt nach Fürstenwalde, noch zu einem schön kräftigen Starkregen anwachsen sollte. Also waren alle Ruder auf Spaß und gute Laune getrimmt. Nachdem wir schon eine halbe Stunde zu spät losgekommen waren, würde durch eine Umleitung von kurzen zwanzig Kilometern noch eine weitere halbe Stunde hinzukommen. Ab Zernsdorf ging es, über die beschaulichen Landstraßen, weiter nach Fürstenwalde. Wollte irgendjemand unsere Floßtour verhindern und wenn ja, warum? Egal, an solchen Gedanken wird nicht lang gerastet. Eine obligatorische Stunde nach vereinbartem Zeitpunkt kamen wir also in Fürstenwalde an und hatten ja noch üppige achtundfünfzig Minuten um uns zu begrüßen, abzusprechen und  alles vorzubereiten. Schnell Wichtiges zusammenfassen und Zuständigkeiten bestätigen lassen, stand dann also im Vordergrund. Schön, dass wir in den folgenden Tagen noch ein paar entspannte Minuten, kanufahrend auf der Müggelspree oder abends am Lagerfeuer sitzend, finden würden, um das Kennenlernen nachzuholen. Als Willkommensrunde haben wir uns einen Kennenlernkreis mit Namensrunde, dem anschließenden Seildurchlauf mit „lautem“ Brüllen eines Wunsches für die nächsten zwei Tage und ein kleines Willkommensgeschenk in einem nahegelegenen Park, auf einer grünen Wiese überlegt. Soweit stand die Planung also und wir konnten die letzten Minuten vorm Sturm bei einem heißen Schluck Bäckereikaffee verweilen, den wir auf Stühlen vor dem Kaffee genossen, da unser vierbeiniger Begleiter AJ feat. Ernie, nicht mit rein durfte. Truppe hält schließlich entschlossen zusammen!

Danach ging es zu Fuß und mit unserem Bollerwagen ab zum Bahnhof um die Klasse abzuholen. Die Aufregung gleich verantwortlich zu sein und mit großen Augen erwartungsvoll angeschaut zu werden wuchs und ließ uns in sarkastisches Scherzen und gegenseitige Beschwichtigung verfallen. Wie das halt so ist, mit der Aufregung. Ankunft des Zuges und vier Augenpaare scannen scharf wie Laserstrahlen jede Tür nach schulkindähnlichen Gesichtszügen und Personenhaufen ab. Sehr schön, ja wir waren vollkommen drin. Als dann die Kinder nebst den Lehrkörpern erblickt waren, war die Freude groß. Auch die Mittelung das vier weitere Kinder abgesprungen und wir somit bei einer Teilnehmerzahl von achtzehn Kindern waren, konnte uns die Laune nicht verderben, denn immerhin waren es trotzdem noch eine Menge Teilnehmer. Außerdem hatten wir später noch genügend Zeit auf dieses Problem einzugehen und Befangenheit hätte uns hier und jetzt sowieso nicht geholfen. Also Vorstellung, Begrüßung und Abmarsch in den Park. Zum Unmut der Kinder mussten diese ihr komplettes Gepäck alleine tragen und kein Shuttlebus kam zu Hilfe. Aber die selbstbewältigten Taten sollten sich in den kommenden Tagen sowieso noch häufen und viel komplexer werden. Nach einer erstaunlich ungehemmten Kennenlernrunde mit anschließendem Hatitita* und einem sehr aktiven Seildruchlauf, hatten wir eine hochmotivierte Klasse vor uns, die sich ebenso schnell in Koch-, Floß-, und Lagerbaugruppen einteilte. Da die Kochgruppe für die folgenden Tage ein Taschengeld bekam und einkaufen gehen musste, wurde in erstaunlichen fünfzehn Minuten, in Bezugnahme der ganzen Klasse, ein von allen akzeptierter Einkaufszettel geschrieben. Dabei half kein Lehrer oder Teamtrainer und die Regeln, keine Süßigkeiten, Fertiggerichte oder Alkohol einzukaufen, mussten auch noch mit beachtet werden. Wir waren begeistert. Selbstverständlich schnappte sich das Kochteam den Bollerwagen und zog zur nächsten Kaufhalle los. Wir blieben noch ein wenig im Park, spielten ein weiteres Kennenlernspiel und „chillten“ einfach ein wenig. Als das Kochteam anrief das es fertig war, wurde ohne viel murren das Gepäck des Teams mitgenommen und es ging zum Treffpunkt „Netto-Supermarkt“. Nach einer kurzen Pause und dem Auffüllen der Trinkvorräte machte sich die Klasse, bewaffnet mit Rucksack (Daypack), Bollerwagen, Kompass und Wanderkarte, auf den Weg zum Floßbaulager „große Tränke“.

Wie lang doch fünf Kilometer sein können, wenn man diese mit den eigenen Füßen bewältigen muss.

Abschlussfoto Nextvision Kids 2015 Gregor Malschofsky

 

Allerdings wurde toll durchgehalten und die Kinder halfen sich untereinander beim Tragen zu schwerer Rucksäcke der anderen und zogen entschlossen ihren Bollerwagen, der jetzt mit Lebensmitteln bestimmt vierzig Kilo wog. Nach anderthalb Stunden kamen wir an unserem Floßbauplatz an und alle hatten sich eine Pause verdient. Die Sorgen, die Kids wieder ewig motivieren zu müssen, verflogen zum Glück schnell, weil uns die menschlich gegebene Neugier zur Hilfe kam und es endlich losgehen sollte mit dem Floßbau. Die eingeschobene Besprechungsrunde mit unseren Gefühlskarten wurde auch erstaunlich gut angenommen. Nachdem wir fragten, wie es jedem Einzelnen gerade geht und wie es wohl am Abend aussehen würde, wurden schnell zwei Karten mit den entsprechenden Gesichtern heraus gesucht und jeder hatte etwas zu sagen. Danach fingen die vorher eingeteilten Teams, mit Feuereifer an, die Flöße zu bauen. Jetzt war auch für die Großen eine zwanzig minütige Atem- und Besprechungspause drin. Man merkt erst wie gut so etwas tut, wenn man es eine Weile nicht mehr hatte. Nach den ersten dreißig bis vierzig Minuten konnte man langsam Flöße entstehen sehen und die Masse der Schüler war vollauf begeistert dabei. Natürlich gab es auch hier den ein oder anderen, der sich herausnahm, aber auch das war nicht von langer Dauer. Nach ungefähr anderthalb bis zwei Stunden und ein paar leicht helfenden Händen, konnten die Flöße ins Wasser gelassen werden. Nun startete die anderthalb stündige Fahrt und die erste Möglichkeit auf vier Wasserkilometern, die eigenen Erfahrungen auf einem Floß mit Menschen auf engstem Raum zu sammeln, aus dem man nicht einfach entfliehen kann. Teambuilding in Reinform quasi. Da eine Regel lautete, das Floß darf nur zum An- und Ablegen verlassen werden, mussten Konflikte ausgetragen oder ausgehalten werden. Also wunderbare Themen für die morgendliche Reflexions- und Auswertungsrunde. Da wir zeitlich etwas hinterher hinkten, wir aber erlebnispädagogisch mitten im Prozess waren, wurde schon während der Begleitkanufahrt auf dem Wasser am Abendprogramm gekürzt. So wurde nach der Ankunft kaltes, statt warmes Abendbrot serviert und bei böigem bis mittelstarkem Wind wurden Schrägdächer aus Planen in den Wald gebaut und eifrig Luftmatratzen (persönlich getestete Empfehlung) aufgepustet. Gegen 22:00 Uhr stand das provisorische Biwaklager und die Kinder waren den Umständen entsprechend satt. Die vorhandene Müdigkeit unter den Erwachsenen half uns, der abendlichen Besprechung und dem Austausch von Erlebtem eine angenehm frische Kürze zu geben und nach einem Bad in der Müggelspree zufrieden ins Bett zu sinken.

Am nächsten Morgen waren es zum einen die Helligkeit und zum anderen die viel zu frühen „heiteren Kinderlaute“, welche einem die Augen öffneten. Der Regen half darüber hinweg, dass man nicht um neun Uhr morgens schon schwitzen musste. Wichtig war uns, die Stimmung der Kinder so schnell wie möglich zu erfassen und bei Bedarf optimistisch gegenzusteuern. Freudiger Weise hatten aber der Regen und die kurze, stürmische und teils nasse Nacht nichts am Wohlsein der Kinder verändert. Also wurden mittels tollkühnem Einsatzes eines Lehrers und der Zuhilfenahme von fünfzig freilandgehaltenen Landeiern ein leckerer Topf Rührei zubereitet, welcher die Morgenlaune, noch einmal steigerte. Zur anschließenden Reflexions- und Feedbackrunde am Müggelspreeufer war uns selbst der Wettergott holt und schickte uns angenehm warme Sonnenstrahlen und ein duftender regenfrischer Wald wurde uns von einem leichten Wind in die Nase getragen. Besser hätte man es sich gar nicht wünschen können. Die Reflexionsrunde, bei der Fragen wie, „was lief beim Floßbau gut?“ und „was hätte wie besser laufen können?“, gestellt wurden, entstand eine spürbare Veränderung in der Klasse.

Wir konnten beobachten, wie siebzehn Kinder dem einen Kind, welches sprach, bis zum Ende zuhörten, kritische Meinungen akzeptierten, nahezu rechtfertigungsfrei kommunizierten und trotzdem beim Thema blieben.

Wir konnten nicht anders, als dieses Erlebnis direkt anzusprechen und die ganze Klasse zu loben. Schön war zu sehen, dass die Kinder diesen Unterschied direkt wahrnahmen, nachdem wir sie gelobt hatten und sich selbst gleich direkt gegenseitig rühmten. Eine grundlegend positive zugewandte Stimmung lag in der Luft. Nach einem anschließenden Spiel, um wieder Tatkraft in die entspannten Körper zu bringen, ging es an den erneuten Aufbruch mit dem Floß. Nach insgesamt neunzig Minuten war das Küchenteam fertig mit dem Abwasch, das Lagerbauteam hatte alles verpackt und die Flöße wurden startklar gemacht. Auf dem Tagesprogramm standen weitere 3,5 – 5 km Floßtour, welche wie wir später feststellen durften, von Platzregen und starkem Gegenwind begleitet werden sollten. Alle Bedingungen optimal, um richtig dolle Spaß und erlebnispädagogische Reibungsfläche zu erzeugen. Situationen, welche dringend nachbesprochen und ausgewertet werden mussten wurden während der Fahrt auch an der einen oder anderen Stelle erzeugt. Ohne näher ins Detail zu gehen war es uns hier wichtig, nach dem Hinweisen auf die Gefahren, eine Selbsterkenntnis auszulösen.

Anschließend kam es innerhalb der Gruppe sogar dazu, dass die Kinder selbstständig an die Vernunft und den Vorrang der Gruppe, vor dem egoistischem Denken appellierten.

Wir als Pädagogen, saßen mit einem inneren Lächeln und äußerem Strahlen nebeneinander und freuten uns sehr. Bei der anschließenden Fragerunde zu den positiven Veränderungen und dem eigenen Beitrag zu den Veränderungen, erlebten wir ein hohes Maß an persönlicher Ehrlichkeit und Selbstkritik, was uns zeigte wie sehr Anspruch und Gruppengedanke schon beim Einzelnen wirkten. Da diese Runde mit den anfänglichen Ermahnungen im Bezug auf die Sicherheit sehr intensiv war, wollten wir uns kurzhalten und den positiven Abschluss der Runde, als Schwung für die weitere Abendgestaltung nutzen. Nachdem die Teams wieder ihre Tätigkeiten zum Aufbau und Betrieb des Lagers übernommen hatten, schlich sich so langsam eine großflächig wirkende gruppendynamische Trägheit ein, welche jedwedes Erreichen von Zielen unmöglich machte. Also hieß es die Gruppe nochmal mit einem ritualisierten lauten“ Hatitita“ zusammen zu trommeln und nach einem ehrlichen aktuellen Sachstand zu fragen. Der Sachstand war, dass alle irgendwas machen, was schon irgendwie dem Ziel dienen wird, aber keiner genau wusste, bis wann welches Ziel erreicht werden musste. Klingt wie die Arbeitsbeschreibung in so manchen Teams. Nachdem feste Zeiten und Zuständigkeiten erneut besprochen wurden und wir als Betreuer und Überwacher mit etwas Nachdruck zu den Versprechen untereinander aufriefen, kam der Laden wieder ins Rollen. Als die Planen auf- und die Flöße abgebaut waren, gab es abends am Lagerfeuer sogar noch Tomate-Mozarella-Spieße mit Balsamicoessig, welche von der Kochgruppe, die außerdem noch grillte, serviert wurden. Gegen 22:00 Uhr noch einen Hatititatanz um das Lagerfeuer, nachdem wir uns zuvor alle mit Knicklichtringen geschmückt hatten. Wie ein Stamm kleiner Indianer tanzten wir dieselben Laute schreiend um die lodernden Flammen und ließen so auf unsere Art und Weise die hinter uns liegenden Erlebnisse Revue passieren. Ein hochfreudiger und emotional aufgeladener Abend. Zufrieden gingen auch die Erwachsenen nach aufregenden Geschichten von Erlebnissen der letzten Tage und unserer unterschiedlichen Leben gegen ein Uhr ins Bett. Knicklichttanz Nextvivion Floßreise 2015 Gregor Malschofsky

Am nächsten Morgen gab es ein leckeres Frühstück bei Sonnenschein und mäßigem Wind, welcher zum Abbau dabei half die Planen schneller von den Schnüren zu bekommen. Nachdem alles soweit abmarschbereit und alle Materialien verpackt waren, kam es zu unserer letzten Reflexions- und Abschiedsrunde. Die erste Aufgabe war „der besondere Beobachter“. Am Anfang der Klassenfahrt haben wir untereinander die Namen der Klassenmitglieder auf Zetteln verteilt und die Kinder gebeten denjenigen der auf ihrem Zettel stand, besonders zu beobachten. Unsere Frage zur Abschlussrunde war daraufhin, „was ist dir Neues, Besonderes oder bisher Unbekanntes positives aufgefallen?“ Dabei war es uns wichtig, dass diese Botschaft direkt und persönlich an denjenigen, den es betraf ausgesprochen wurde, was in der Masse auch ohne Unterstützung durch uns gelang. Erstaunlich war zu sehen, wie detailliert die Beobachter beschrieben und wie freundlich und wertschätzend die Feedbacks über die Fremdwahrnehmung angenommen wurden. Ein sehr schöner und bedeutender Fortschritt. Da war es wieder, dass innere Grinsen, welches sich bei dieser hohen Beruf(ung)szufriedenheit einfach einstellt. Anschließend ging es noch um die persönlichen Erfolge während der Floßreise. Wir stellten einen Werkzeugkoffer, eine Einkaufstüte und einen großen Kochtopf in die Mitte der Runde und fragten die Kinder danach: „Woran möchtet ihr noch arbeiten?“ (Werkzeugkoffer), „Was nehmt ihr mit?“ (Einkaufstüte) und „Was lasst ihr hier?“ (Kochtopf). Jedes Kind bekam drei Moderationskarten und durfte sich fünf Minuten dazu Gedanken machen. Danach durfte im Kreis, vor allen anderen, etwas dazu gesagt werden und die Karten wurden zeitgleich in die entsprechenden Gefäße gepackt. Dass dazu eine Menge Mut und Entschlossenheit gehört, vor der gesamten Klasse und den Erwachsenen über sein Inneres zu sprechen, möchte ich hier nochmal erwähnen. Toll war es, dass sich von achtzehn Kindern nur fünf Kinder enthalten haben. Bemerkenswert war auch, dass die Lehrer wie selbstverständlich und unaufgefordert eigene Karten beschrieben und diese, unter so nicht erwarteten starken und emotionalen Einwirkungen, vor der versammelten Klasse vortrugen. Anschließend umarmte die gesamte Klasse ihre Lehrer und die Stimmung löste auch bei uns die ein oder andere nicht geplante Emotion aus. Kurz gesagt, ein besseres Feedback, Tränen der Freude und Rührung, hätte ich mir in keinem Erfahrungsbogen wünschen können. Zum Abschluss gab es noch einen Seildurchlauf im Klassenrahmen und abschließende Worte und Umarmungen. Nachdem die Kinder nebst Gepäck zum Bahnhof Hangelsberg gefahren wurden, hieß es auch für uns Abfahrtbereitschaft herstellen, Feedbackrunde und Abschied nehmen. Solche schönen Veranstaltungen ziehen immer viel zu schnell vorbei und man ist am Ende kaputter als man vorher annahm.

Wenn nach einer Veranstaltung der Druck des Erfüllens und Gutmachens abfällt, kommt eine so starke Müdigkeit, mit der man nicht rechnet.

Fünfundsiebzig Kilometer mit 90 km/h auf der Autobahn zu fahren, weil man einen Anhänger am Auto hat, sind diesem Zustand nicht unbedingt zuträglich.

Abschließend möchte ich mich noch bei allen Trainern und bei dem Klassenlehrer für so viel Vertrauen in diese Sache und das Engagement bedanken, denn ohne Begeisterte bleibt jede Idee nur ein Traum. Vielen Dank

*Hatitita ist ein Eröffnungsspiel aus der Erlebnispädagogik, welches dabei hilft, Hemmungen untereinander abzubauen, indem man gemeinsam einen urkomischen Tanz aufführt. Da mir dieses Spiel auch nur übermittelt wurde, fand ich erst während des Schreibens heraus, dass es eigentlich Tatitita heißt und etwas anders performt wird, was der Wirkung aber keinen Abbruch tat.

 

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