Lass uns Lernen erleben und hab Vertrauen!

“Wir vermögen mehr, als wir glauben. Wenn wir das erleben, werden wir uns nicht mehr mit weniger zufrieden geben”. – Kurt Hahn (gilt als einer der Mitbegründer der Erlebnispädagogik)

Begrüßungsrunde

typische Begrüßungsrunde mit Gefühlskarten

Erlebnispädagogik, Bereicherung der klassischen Pädagogik und gleichzeitig bedeutender Unterschied. Mein Ziel ist es anhand einer kurzen Beschreibung darzustellen, worum es bei der Erlebnispädagogik eigentlich geht und warum es dafür keine Altersbeschränkung gibt.

Die vielen schönen Momente der Selbsterfahrung in diesen Aktionen, lassen mich so für dieses Thema brennen.

Der erste Vorteil liegt darin, dass es sich dabei um kein Schulfach oder eine benotete Einzelleistung handelt. Schon bei der Vorstellung des Lernzonenmodells bei Schulklassen, mit welchen erlebnispädagogische Veranstaltungen durchgeführt wurden, konnte man den ein oder anderen Lehrer mit offenem Interesse, in zweiter Reihe um den Seilkreis erleben. Beim Lernzonenmodell wird angenommen, dass lernen nur außerhalb der eigenen Komfortzone stattfindet. In der Komfortzone findet kein lernen statt, da man sich quasi in bekannten Bereichen bewegt. Erst im Unbekannten und Neuen, liegt die Möglichkeit des Lernerfolgs, welcher sich in der Lern- oder auch Wachstumszone einstellt.

Kurz gesagt: ohne Erlebnis kein erleben und keine neuen Erfahrungen. 

Ich habe erlebt, dass die erlebnispädagogische Arbeit gut funktioniert, wenn man die Kinder an einen vorher nicht bekannten Ort einlädt, um in neuer Kulisse ganz neue Erfahrungen zu machen. Ich würde gern auf den Ablauf einer erlebnispädagogischen Aktion eingehen. Nach einem ersten Kennenlernen, mit der Abfrage des Gemütszustandes eines jeden Einzelnen. Dies kann mit einem einfachen Daumen (hoch,runter oder mittig) oder zum Beispiel auch wie auf dem Bild gezeigt, mit Gefühlskarten passieren. Ich habe bemerkt, dass sich Kinder einfacher über einen Mann auf dem Bild erklären können, als das persönliche Gefühl bei sich zu benennen. Anschließend bringt man die Kinder in gemeinsame Interaktion, indem man Tätigkeiten wie Klettern im Seilgarten, Floßbau, Holzbau oder diverse andere Sachen nutzt. Gemeinsam mit den Kindern werden Fragen zur Zielerreichung, gegenseitige Regeln zum gelingen und auch die Regeln wenn etwas schief läuft definiert.

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fast geschafft, erste Ermüdungen der Arbeitphase

 

Dabei finde ich es immer total interessant, wie ein so ressourcenreicher Moment entsteht, dass sich die Kinder in ihren Ideen selbst überflügeln. Aus einem einfachen Floss kann dann schon mal schnell ein Luftschiff mit Düsenantrieb werden. Spannend ist es dann oft, die Kinder auf sanfte Art und Weise bei der gruppendynamischen Bodenhaftung zu behalten, ohne den energiegeladenen Angriffsschwung zu schmälern.

Aber mir geht ein Lächeln übers Gesicht, wenn ich daran denke, wie die Kinder dann wie gespannte Bettfedern losfliegen, sobald man das Flossbaumaterial freigibt.

Da nach erfolgreicher Bauphase eine Flossfahrt auf dem Wasser ansteht, soll es immer so schnell wie möglich gehen. Als erlebnispädagogischer Begleiter ist es in der Phase wichtig zu beobachten, wichtiges schriftlich festzuhalten und nur einzugreifen, wenn die Arbeitsphase der Gruppe vom gemeinsamen Ziel abweicht.  Das können Dinge wie Streit, einzelne Demotivation oder der komplette Gruppenstreik sein. Wichtig ist es, dabei nicht selbst Teil der Gruppe zu werden und Versprechungen oder Eingeständnisse zu machen, die man später natürlich eiskalt als Vorwurf serviert bekommt. Gerade Kinder sind oft Meister darin, sich gegen die Erwachsenen zu verschwören und die Verantwortung bei den “Großen” zu suchen. Ob positiver oder negativer Ausgang der Aktion, gilt es dann, das erlebte aufzufangen und eine Reflexion durchzuführen. In der Reflexion geht es um Fragen wie, wie habt ihr das geschafft, was hat es euch trotz der Schwierigkeiten schaffen lassen oder welche Eigenschaften der Gruppe haben zum Erfolg beizutragen. Wichtig finde ich es hier, auch den unmotivierten abzuholen und ihm das Gefühl zu geben, dass er trotz seiner Enthaltung bei der Bauphase jeder Zeit wieder Teil seiner Gruppe sein kann.

Wenn dann noch die restliche Gruppe unterstützend einsteigt und den Unmotivierten einlädt, mit auf dem Floss zu fahren, merkt man plötzlich das etwas beeindruckendes passiert ist.

Trotz der unpassenden Eigenarten des Unmotivierten, wird er weiterhin akzeptiert und als Teil der Gruppe anerkannt. Im Anschluss an die Reflexion geht es um gegenseitiges Feedback. Dabei können sich die Kinder gegenseitig sagen, was sie selbst erlebt haben und welche Eigenschaften sie bei anderen beobachten konnten, die sie wertschätzen oder besonders finden. Der anschließende Transfer in den Gruppenalltag stellt einen wichtigen Bestandteil der Erlebnispädagogik dar.

Abfahrt Flossreise.JPG

Abfahrt zur zweitägigen NEXTVISION Floßreise

Eigenschaften und Abläufe die der Gruppe halfen ihr Ziel zu erreichen, sollen hierbei auf Schul- und Alltagssituationen übertragen werden. Da diese Situationen aber später allein und ohne Begleitung stattfinden, geht dabei oft etwas verloren. Ich bin immer sehr begeistert, wenn sich die zuständigen Lehrer den geschriebenen Vertrag und die gemeinsam erarbeiteten Arbeitsregeln mit in die Schule nehmen und weiter daran arbeiten wollen. Am schönsten finde ich diese Aktionen als Mehrtagestouren, wo eine gewisse Strecke gefahren werden muss. Außerdem kommt dann noch die komplette Gruppenselbstversorgung mit hinzu. Da sich die Kinder selbstständig um Einkauf, Kochen und Lagerbau kümmern müssen, wächst die persönliche Erfahrung ins unermessliche. Auch Klappspaten und Toilettenpapier sind manchmal ein sehr langes aber für den Erfahrungsgewinn, spannendes Thema. Schön sind dann natürlich noch die persönlichen Botschaften, welche am Ende von den Kindern offen im Gruppenkreis ausgesprochen werden. Ich bin dann immer begeistert, wie mutig die Kinder untereinander geworden sind, dass sie sich solche Dinge im großen Klassenkreis trauen. Gegenseitiges zuhören, die Meinung des anderen, Aushalten, Entscheidungen anderer tragen und konstruktiv Feedback geben, sind nur wenige von den vielen schönen Momenten in diesem Zeitraum.

Ich finde es immer wieder so beeindruckend, wie viel schneller es Kinder schaffen über ihren Schatten zu springen.

Da können wir “Großen” uns eine dicke Scheiben von abschneiden. Ich hoffe es ist mir einigermaßen gelungen, einen kleinen Einblick in die Erlebnispädagogik zu geben. Ich möchte mich fürs lesen bedanken und würde mich natürlich tierisch über ein Feedback freuen. Da das einer meiner ersten Blogbeiträge ist und ich gern weiter machen möchte, brauche ich dieses Feedback. Gefundene Schreibfehler dürfen gern behalten werden, denn darum ging es mir hier nicht. Mich würde interessieren, welche Erfahrungen ihr Leser mit dem Thema Erlebnispädagogik habt? Liebe Grüße und bleibt neugierig euer Gregor

Hier noch der Link zu einem Video unserer Flossfahrt.

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